Warum es so schwierig ist sich positiv zu fühlen

13.10.2014

Lass uns mal positiv sein!

Ich bin regelmäßig mit einer kleinen Frauengruppe unterwegs. Dabei wird geredet, über die Befindlichkeit, Krankheiten, was wo wem passiert ist, den Aufreger des Tages usw.- mal mehr, mal weniger.
Als es besonders arg wird, die Frage: „Können wir nicht mal über etwas Positives reden?“
Schweigen. Gefühlte 10 Minuten Schweigen.
Und dann: „ Mir fällt nichts ein. Ich weiß jetzt nicht mehr, worüber ich reden soll.“
Mir ist etwas eingefallen, aber es erschien mir außerordentlich trivial (schönes Wetter, es geht mir gut, herrlicher Spaziergang) und ich schwieg.
Dieses Erlebnis gab mir stark zu denken.

Unglücklich wirst du von allein, das Glück erfordert Anstrengung

Wir sind enorm anfällig für negative Nachrichten. Wenn du 1000 Erlebnisse mit Hunden hattest, aber einmal angegriffen und gebissen wurdest, kannst du eine langandauernde Angst vor Hunden entwickeln. Du bist auf einer Party und redest mit 10 netten warmherzigen Menschen, dann kommt eine Person und ist unhöflich zu dir. Wie gehst du nach Hause? Voller Ärger und verletzt, hadernd mit dem Abend? Die Begegnung mit den 10 netten Menschen verschwindet im Hintergrund. Wenn du auf einen typischen Tag zurückschaust, siehst du dann eher, was angenehm war und wo du erfolgreich gewesen bist oder erinnerst du dich an das, was nicht so gut gelaufen ist, an Enttäuschungen und Verletzungen?
Mit dieser Anfälligkeit für Negatives sind wir nicht allein. Die Neurowissenschaft zeigt, dass wir alle uns schneller und tiefer an negative Ereignisse als an Positive erinnern. Es gehört quasi zu unserer evolutionären Grundausstattung und hängt mit dem Aufbau und der Funktion unseres Gehirns zusammen. Die psychologische Fachliteratur bezeichnet dies als negativity bias, was man mit negativer Verzerrung oder Neigung übersetzen kann.

tigerDer Papiertiger

Der Neuropsychologe und Autor Dr. Rick Hanson www.rickhanson.net  erklärt in seinem Buch „Denken wie ein Buddha“  das Entstehen dieser negativen Verzerrung folgendermaßen: „Unsere Vorfahren konnten zwei Arten von Fehlern machen. Sie konnten irrtümlich glauben, dass ein Tiger im Busch war, oder sie konnten irrtümlich glauben, dass kein Tiger im Busch war. Der Preis für den ersten Irrtum bestand in grundloser Angst, den zweiten Irrtum bezahlten sie mit ihrem Leben. Folglich haben wir uns so entwickelt, dass wir lieber 1000-mal den ersten Fehler in Kauf nehmen, nur um einen einzigen Fehler der zweiten Sorte zu vermeiden…Im Allgemeinen neigt unser Gehirn dazu, Bedrohungen zu hoch, Chancen und Möglichkeiten zu gering einzuschätzen. Darüber hinaus unterschätzen wir oft unsere Fähigkeiten, Bedrohungen abzuwenden und Chancen zu nutzen. Dann versorgen wir diesen Glauben mit Informationen, die ihn bestätigen, während wir alle Hinweise ignorieren oder zurückweisen, die das nicht tun. Es gibt sogar bestimmte Regionen in der Amygdala, die verhindern, dass wir unsere Ängste loswerden, was vor allem in Bezug auf Kindheitserlebnisse gilt- mit dem Ergebnis, dass wir uns zwanghaft mit Bedrohungen auseinandersetzen, die ungefährlicher und beherrschbarer sind, als wir uns einreden, während wir auf der anderen Seite Möglichkeiten übersehen, die in Wahrheit größer sind als wir glauben. Unser Gehirn leidet also an chronischer „Papiertiger-Paranoia“.“

Explizites und implizites Gedächtnis

Es gibt zwei Arten der Erinnerung, explizit und implizit. Das explizite Gedächtnis enthält alle persönlichen Erinnerungen, von frühester Kindheit bis zu dem, was vor zehn Minuten stattfand. Dazu gehören auch so spezifische Dinge, wie die Namen von Freuden oder wo das geparkte Auto steht oder was ein Fahrrad ist. Diese Erinnerungen scheinen umso positiver verzerrt zu sein, je länger sie zurückliegen. Die implizite Erinnerung oder das emotionale Gedächtnis ist weniger spezifisch, es enthält Wissen, wie man Dinge tut, z.B. Fahrrad fahren. Es enthält auch unsere Annahmen und Erwartungen, Beziehungsmuster, Werte und Neigungen. Es bestimmt die innere Atmosphäre unseres Geistes, die gefühlte Erfahrung, wer wir sind und wie sich das Leben anfühlt. Leider ist das Gefüge der impliziten Erinnerung negativ verzerrt.
Wir lernen schneller aus schmerzhaften als aus angenehmen Erfahrungen, starke Abneigungen entwickeln sich rascher als Vorlieben. Vertrauen ist schnell verspielt und schwer wieder herzustellen. Wir erinnern leichter schlechte Eigenschaften als Gute. Das Gehirn ist kein Organ um objektiv die Realität zu studieren, sondern ein Werkzeug um unser Überleben zu sichern, uns vor Schmerzen zu schützen und Probleme zu lösen.
Auf der anderen Seite haben aktuelle gute Nachrichten meist nur geringe oder gar keine Auswirkungen auf das implizite Erinnerungssystem des Gehirns. Wir nehmen gute Nachrichten oft nur flüchtig zur Kenntnis, weil wir fortwährend damit beschäftigt sind aktuelle Probleme zu lösen und potenzielle neue Konfliktherde zu erkennen. Unspektakulären schönen Dingen schenken wir oft wenig Beachtung oder wir nehmen sie wahr, aber nicht lange genug um sie im Gehirn zu verankern. Für negative Erfahrungen gilt das Klett-Prinzip, sie bleiben in unserem Gehirn haften, während für positive Erfahrungen das Teflon-Prinzip gilt, sie perlen ab.

halb voll oder leer

Es gibt Hoffnung

Aber dies bedeutet nicht, dass wir zu einem unglücklichen Leben verdammt sind. Es ist nur leichter in Unruhe, Ärger oder Angst zu verfallen als Frieden, Glück und Erfüllung aufrechtzuerhalten. Ein wirklich glückliches Leben erfordert für die meisten von uns bewusste Anstrengung. Aber wir können optimistisch sein, es ist möglich unseren Glücksquotienten zu erhöhen. Unser Gehirn kann sich aufgrund seiner Neuroplastizität während unseres ganzen Lebens durch die Art wie wir es benutzen verändern. Mit aufmerksamem und bewusstem Handeln können wir viel dazu beitragen, diese negative Voreinstellung zu überwinden.
In der Praxis bedeutet das, sich ganz bewusst immer wieder auf positive Ereignisse einzuschwingen, ihnen unsere volle Aufmerksamkeit zu geben, solange bis sie in unser implizites Gedächtnis eingegangen sind.

Wir brauchen ein regelmäßiges mentales und emotionales Training um dieser negativen Verzerrung entgegenzuwirken.
Deshalb ist es auch hilfreich regelmäßig einen Lachclub oder Lachtreff zu besuchen. Regelmäßig positive Erfahrungen mit sich selbst und anderen Menschen zu machen, emotionale Erfahrungen zu machen. Sich bewusst auf positive Dinge auszurichten. Sie erfahren, spüren, einsinken lassen. Jeden Tag zu lachen, zum Lächel Millionär zu werden, tägliche gute Erfahrungen mit Lachen anzureichern (emotionale Erfahrungen speichern wir leichter ab). Und natürlich andere Dinge tun, wahrnehmen und genießen, die uns Freude machen, wie singen, tanzen, musizieren, spielen…

 

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